Dieses Album werde ich nicht bereuen (1/2)

Verfasst von Philip Reding am Montag, 18. Januar 2010 um 20:48

Tommy Vercetti Tommy Vercetti ist uns in den letzten Jahren vor allem durch seinen bemerkenswerten Output aufgefallen: Cheftape 3, Eldorado FM, Guätnacht-Mixtape und irgendwo sollte da noch ein Album kommen, zumindest redet er schon seit Jahren davon. Darüber, sowie über die wirtschaftliche und politische Lage hatte uns der Schnäbiprinz aus 031 Anfang Dezember einiges zu erzählen.

Von Philip Reding

Rapblog.ch: Tommy, hast du dich schon erholt vom Resultat der Minarett-Abstimmung?

Tommy Vercetti: (überlegt) Ich weiss es selbst nicht, ich glaube eher nicht. (überlegt noch länger) Man hatte in den letzten Jahren genügend Gründe, pessimistisch zu werden, aber dies hat selbst mich überrascht. Es ist wirklich schockierend, vor allem diese Reaktionen nun im Nachhinein, die sind fast noch schockierender, zum Beispiel diese „Ich schäme mich NICHT fürs Minarett-Verbot“-Facebookgruppe. Mittlerweile sind es schon beachtlich viele Mitglieder in dieser Gruppe, die meisten davon in unserem Alter, es ist also nicht einmal ein Problem der Generationen! Wenn du es wenigstens auf die alten Leute schieben könntest, dann könnte man das Ganze auf leichte Senilität zurückführen oder sagen: „Hey, diese Leute sind in einer total anderen Zeit aufgewachsen und eine gewisse Unsicherheit gegenüber etwas, das man nicht kennt, kann man noch entschuldigen. Die sitzen zuhause, sind nie draussen und haben gar nicht so genau eine Ahnung davon, was draussen läuft“, dann ok. Aber diese Gruppe besteht wirklich aus 30’000 Leuten oder so in unserem Alter, und was die da reinschreiben, ist wirklich unter jeder Sau! Es macht dir einfach nur Angst!

Ich habe tatsächlich das Gefühl, die Leute werden im Zuge der Entwicklung der Medienlandschaft ausgesprochen dumm – man kann es gar nicht anders sagen! Wenn sich eine Gesellschaft hauptsächlich über den Blick am Abend informiert, dessen Titelseite von einem Britney Spears’ Geld verprassenden Kevin Federline handelt, dann fuck!, wovon willst du da noch überrascht sein? In einer Gesellschaft, in der noch immer am Boden aller Prinzipien das Geld regiert – nicht weil die Leute böse sind und nur ans Geld denken, sondern weil es einfach Realität ist, und bei mir ist das genauso, auch ich muss am Ende des Monats noch etwas zu essen haben! -, in so einem System funktioniert das dann halt so, dass die Leute sich über Gratiszeitungen informieren, und eine Gratiszeitung ist und bleibt einfach eine Gratiszeitung. Weißt du, wenn ich wütend werde, ziehe ich gerne geschmacklose, nicht berechtigte Vergleiche herbei, dann rede ich zum Beispiel von „Nazis“. Und in so einem System bin ich jemand, der schnell einmal undifferenziert sagt: „Gopferdammi, wir rennen auf einen neuen Faschismus zu, wenn das so weitergeht!“ Auf der einen Seite hast du die gewollte Dummheit der Leute und auf der anderen die Dinge, die diesen Angst machen, und jetzt in der Finanzkrise ist dieser Fall wieder einmal eingetroffen. Aber jetzt, wo das passiert ist mit diesem Minarettverbot, wenn ich nun dieses Zeug lese (Kommentare auf Facebook, Anm. d. Redaktors), dann denke ich, soweit weg davon bin ich mit meinem geschmacklosen Vergleich gar nicht! Es ist wirklich bis in die Knochen schockierend.

Tommy Vercetti
Foto: Janosch Abel

Das Minarett-Verbot an sich ist aber auch ein komplexes Thema, bei dem einem nicht so schnell auffällt, wo die Problematik liegt. Und nun hat man quasi eine Situation, die ganz neu ist, nämlich ein demokratisches Land, das sich das erste Mal seit über 150 Jahren in der Situation befindet, dass gleiche Bürger unterschiedliche Rechte besitzen: Du hast einen Schweizer, der Moslem ist, und er darf sein Religionsgebäude nicht bauen, während der christliche Schweizer das darf. Bei der faktisch kleinen Zahl an Minaretten wäre das nicht so schlimm, aber es ist ein Präzedenzfall, bei dem der Symbolgehalt unglaublich stark ist.

Eigentlich kannst du den Leuten nicht böse sein, weil einige unter ihnen es nicht begreifen, weisst du. Wenn die Vorlage knapp angenommen worden wäre und jetzt eine Diskussion stattfände, dass es wohl doch nicht so schlau war – dann könnte man es noch verstehen. Doch das Verbot wurde so deutlich angenommen, und diese Leute auf Facebook sind noch unglaublich stolz darauf – du musst wirklich Mal auf diese Seite gehen! -, da kommt dir gleich das Kotzen!

Wie geht man am besten mit so einer Situation um?

Ich habe keine Ahnung. Ich denke auch viel darüber nach. Das geht in die Frage hinein: Wie kann man überhaupt etwas verändern? Das ist die Grundsatzfrage, die wir uns stellen müssen, glaube ich. (Denkpause) Man kann nicht viel mehr tun, als mit den Leuten zu reden. – Obwohl ich langsam, aber sicher zu einer Art „Hofnarrenphilosophie“ gelange, bei der ich die anderen in Zukunft einfach anzuschreien beginne! Ich weiss nicht mehr, wie man jemandem klarmachen kann, wo wir hinsteuern, oder was das für einen Zusammenhang hat, wenn wir Schweizer den Muslimen ihre Minarette verbieten, und wo das noch hingehen kann. Wir sollten nicht den Teufel an die Wand malen und mit undifferenzierten Vergleichen kommen. Aber weisst du, die Nazis waren auch mal an dem Punkt, wo’s mit etwas ganz Kleinem angefangen hatte, und das war ein Missmut gegenüber einer kleinen Bevölkerungsschicht, die überhaupt nichts dafür gekonnt hatte. Diese wurde damals genauso als Projektionsscheibe für wirtschaftliche Probleme, eine extreme Orientierungslosigkeit oder, nach dem Ersten Weltkrieg, den plötzlichen Zusammenbruch sämtlicher Werte benutzt. Was jetzt gerade passiert, ist sehr ähnlich. Und eines Tages denkst du dann: „Oh fuck, wie sind wir eigentlich hierhin gekommen?“ Nein, du sollst den Leuten eigentlich nicht ins Gesicht schreien. Aber ich, ich weiss nicht…

Wenn es nichts bringt, mit den Leuten zu sprechen, wenn sich konstruktiv nichts ändern lässt, was bleibt dann noch? Destruktiver vorgehen?

Es geht nicht darum, destruktiv zu sein, sondern den Leuten mithilfe anderer Formen etwas klar zu machen! Ich meine, jene, die anders als ich denken, haben diese Diskussion auch schon zehn Mal geführt, die haben sich ihre Argumente bereitgelegt. Die Rechte, speziell die SVP, hat auch sehr intelligente Personen an der Spitze. Und diese wissen, wie sie auf Gegenargumente reagieren müssen, was sie wann antworten müssen. Nur sind diese Argumente so unglaublich – (überlegt) – dumm! Es ist so entwaffnend! Und doch erachten sie ihre Antworten als Argumente, wo soll diese Diskussion also hinführen? Wenn einer sagt: „Im Irak kannst du auch keine Kirche bauen!“, dann bin ich schlichtweg entwaffnet angesichts dieser Blödheit! Ich kann das Gefühl kaum beschreiben! Wie willst du auf so etwas reagieren?

Hätten Freetracks vor der Abstimmung eventuell etwas bewegen können? Ich erinnere mich an die Zeit des Aufstiegs der SVP, da meinten zahlreiche Rapper und Crews etwas zu sagen zu haben. Doch nun scheinen sie alle verstummt zu sein.


Foto: Janosch Abel

Ohne jemandem ans Bein pissen zu wollen: Ich finde, dieses ganze “einen-Track-machen-wenn-was-passiert“ hat genau einen einzigen Effekt, und zwar dass man im 20 Minuten und Blick am Abend landet. Ich sage nicht, aktuelle politische Geschehnisse seien kein Beweggrund, aber eigentlich profitiert davon doch nur Nora Hesse (Blick am Abend-Redakteurin, die sich einen Namen gemacht hat in der Schweizer Rap-Szene mit eigenartigen Interview-Fragen, Anm. d. Redaktors), die auf eine neue Sensation wartet. Da kann ich gleich mein Schnäbi in irgendeine Ex-Miss stecken und erreiche damit auf politischer Ebene genauso wenig!

Ausserdem hören deinen Freetrack eh nur ein paar Leute, von denen einige dieselben Argumente haben und dasselbe wie du denken, und die restlichen halten dich halt für „noch so einen Linken“. Diskussion findet dabei aber keine statt. Da frage ich mich, wie viel das bringt.

Ich befinde mich zurzeit sowieso an einem Punkt, an dem ich mich frage, ob Kultur oder kulturelle Erzeugnisse dazu beitragen können, etwas zu verändern. Das ist traurig, ja, aber an diesem Punkt bin ich angelangt. Und dann fragst du dich, ob es überhaupt etwas gibt, das zu einer Veränderung beitragen kann. Doch das geht zu weit, und um auf die Freetracks zurück zu kommen: Wie gesagt, was hätte ich tun können? Auf den Beifall und die fünf Minuten Medienaufmerksamkeit habe ich verzichtet, mein Bild war nicht im 20 Minuten.

Diese Ohnmacht trifft man auch auf deinem aktuellen „Guätnacht“-Mixtape an, etwa wenn du sagst: „Marx ist aus dem Regal, Che aus der Mode“. Was hilft es da, dass der Kapitalismus “das Leichenhemd trägt“, wie du auch sagst?

Das ist eine Frage, die ich dir nicht beantworten kann. Das Traurige ist, dass dir diese Frage niemand beantworten kann! Sie beschreibt die ganze momentane Krise: Wir sind gerade in einer Art Raum, in dem niemand weiss, was zu machen ist, gar niemand. (sucht die richtigen Worte mühsam zusammen) Es ist ein einheitlicher Raum, um den herum es kein “aussen“ mehr gibt, blöd gesagt. Wo alles “ausserhalb“ so kaputt gemacht worden ist, dass es gar keine Alternative mehr darstellt. Es gibt zahlreiche Komponenten, die dies bedingen: etwa die komplette Kommunismus-Geschichte, die den Bach runtergegangen ist; einerseits real durch den Zusammenbruch der Sowjetunion etc., andererseits natürlich ideologisch, was in gewissen Punkten zusammenhängt, da all die Sachen, die da gelaufen sind, nicht wirklich zum guten Ruf sozialistischer Ideen beigetragen haben. Allerdings muss man auch sagen, nur weil Stalin oder wer auch immer gesagt hat, sein System sei kommunistisch, muss es das noch lange nicht sein, das ist völliger Käse! Das war ein faschistischer Staatskapitalismus, und zwar auf höchster Ebene. Das war das Problem. Aber auch die Ideologie selbst hat zu dieser Situation geführt, indem sie mit gewissen Sachen, die jetzt eintreffen, nicht gerechnet hat: Die Theorie ist irgendwo davon ausgegangen, dass die Menschheit immer mehr ins Elend abgleitet und sich dann mit einem revolutionären Schlag rausholt. Doch heute bist du mit dem Problem konfrontiert, dass der Grossteil der Bevölkerung gar nicht in grossem Elend lebt, sondern dass es allen mehr oder weniger gut geht. Sogar der Fabrikarbeiter sitzt zuhause vor Fernseher und Computer oder besitzt Mikrowelle und Auto. Da fragt der sich natürlich, wofür er kämpfen soll! Das gilt natürlich vor allem für die westlichen Industrieländer, aber gerade das ist entscheidend.

Ausserdem ist bei der Aufklärung etwas schief gelaufen. Viele denken, je aufgeklärter man ist, umso intelligenter muss man sein. Doch auch wer aufgeklärt ist, ist nicht so intelligent, 20 intelligente Bücher zur Hand zu nehmen und sich seiner Lage bewusst zu werden. Energien werden genutzt, um Technologien zu entwickeln, es wird für die Unterhaltungsindustrie produziert, man investiert die Energie in Belämmerung. Ich kann mich dabei nicht einmal ausnehmen. Überlege dir mal, wieviel Energie wir in diesen Unterhaltungszustand investieren! Das waren zum Beispiel extrem intelligente Leute, die das iPhone erfunden haben, ich meine,das Produkt ist genial! Nimm von mir aus auch die Atombombe. Was hätte man doch erreichen können, wenn diese Energie konstruktiver eingesetzt worden wäre! Du musst dich fragen: Was ist mir wichtig im Leben, was macht mich glücklich? Diesen Zielen müsstest du folgen! Doch das wird nicht getan und so wird wahnsinnig viel intelligente Energie in irgendetwas investiert. Davon werden die Leute müde und brauchen wiederum Unterhaltung. Da stellt sich die Frage, wo der Sozialismus sich die nötigen Leute hernimmt, denen es genug schlecht geht, damit sie, blöd gesagt, noch ein Buch lesen. Wieso sollte man auch ein Buch lesen, wenn es einem “gut“geht?

Viele Menschen sehen den Kapitalismus dem Ende nahe oder glauben zumindest, gewisse Unstimmigkeiten in ihm zu erkennen. Aber eine Revolution, wie sie auch du in Aussicht stellst, scheint ferner denn je. Oder wie siehst du das?

(überlegt lange) Zuerst mal frage ich mich, ob der Kapitalismus am Ende ist. Das ist wahrscheinlich nicht der Fall. Respektive: Er wäre es, denn spätestens seit der Finanzkrise hätte offensichtlich werden sollen, dass dies ein System ist, das nicht funktioniert und sich selbst zerstört. Aber anscheinend ist er de facto nicht am Ende. Offensichtlich wird derzeit nur, dass er nicht das ist, wofür er uns verkauft wurde, nämlich eine gottgegebene, naturgesetzmässige Ordnung.

Tommy Vercetti
Foto: Philip Reding

Uns wurde eingetrichtert, dass das Leben halt so sei, man einfach arbeiten müsse und der eine Hurensohn halt 45 Millionen verdiene und ich meine 3000 Fränkli im Monat. Doch nun erkennt man, dass es nicht so ist, sondern dass es Leute gibt, die das Ganze offensichtlich genauso erhalten wollen, die dieses System retten möchten, um es so weiterzuführen. Und weil das ganze System deutlich in sich zusammenzufallen drohte, ist der Staat gekommen – den diese Hurensöhne immer verflucht haben – und hat kurzerhand alles gerettet. Jetzt geht’s einfach weiter, ohne dass jemand darüber reden würde. Wir leben also in einem System, das von gewissen Leuten so gewollt ist, und das ist das Spezielle daran, denn das schliesst nicht allein uns in unserem Mikrokosmos ein, sondern die ganze Welt. Wenn es einzig die Schweiz auf der Welt gäbe, ginge es mir schon um einiges besser, dann könnte ich sagen: „Ok, es ist schon wahnsinnig, aber wenigstens isst jeder“. Das ist das Problem der Nationen: sie ziehen künstliche Grenzen um sich, um das, was sich innerhalb abspielt, legitimieren zu können. Du denkst dir dann, den Leuten gehts doch gut, also muss das System einigermassen gut sein. Doch das stimmt nicht – es existiert nur EIN weltumfassendes Marktsystem, und wenn wir gut essen, hat das damit zu tun, dass andere verhungern – und zwar genau, weil wir hier gut essen! Das wollen diese eingangs erwähnten Leute, die wollen offensichtlich, dass gewisse Leute verhungern.

Glaubst du an den von Jean Ziegler propagierten Aufstand des Gewissens? Also dass die Menschen – vor allem im Westen – wissen, was auf der Welt Schreckliches abläuft, dass sie bereits ein schlechtes Gewissen haben, sich dieses aber erst noch „steigern“ muss, bevor sie etwas unternehmen können?

Nein, ich denke nicht. Jean Ziegler ist zwar ein guter Freund von mir – zumindest von meiner Seite aus, ich weiss nicht, was er denkt (schmunzelt) -, aber das glaube ich nicht. Gerade lese ich ein Buch des deutschen Philosophen Sloterdijk, “Die Kritik der zynischen Vernunft, geschrieben anfangs der 80er-Jahre. Darin wird beschrieben, dass die heutige Gesellschaft in einem zynischen Bewusstsein lebt; zynisch in dem Sinne, dass sie weiss, dass ihre Taten nicht richtig sind, sie aber trotzdem weiter macht. Eigentlich wird damit die ganze Aufklärung über den Haufen geworfen. Und das ist etwas, dass so zutreffend wie traurig ist. Viele Leute sind nicht mehr so dumm, dass sie nicht schnallen könnten, was los ist, sondern sie wissen, es ist nicht gut, machen aber trotzdem. Oder legen sich Legitimationen bereit, wie etwa: „Ich muss überleben“ etc. Wie gesagt, das Buch ist vor 20 Jahren geschrieben worden – wann willst du ein schlechtes Gewissen erwarten und von wem? Kommt noch dazu, dass eine unglaubliche Verdummung der Leute vor sich geht. Das ist nicht elitär und überheblich gemeint, ich stehe da nicht drüber, ich bin keine Ausnahme. Daran merkt man, dass der Kapitalismus eine Eigendynamik entwickelt hat, bei der am Schluss immer nur der Profit steht. Wieder das Beispiel Gratiszeitung: Auf der einen Seite die Konsumenten, die nichts bezahlen, auf der anderen die Inserenten, die das Geld riechen, weil ein 20 Minuten zigfach weggeht. Die Leute sind so schlecht informiert, dass sie gar nicht wissen, weshalb sie ein schlechtes Gewissen haben sollten! Das bringt mich zurück zur Facebook-Page über das Minarettverbot, ich meine, wenn du das liest, fragst du dich, ob auch nur irgendjemand ein schlechtes Gewissen hat. Die Antwort lautet nein, denn sie wissen gar nicht, was abläuft. So nennen sehr viele die Schweiz ein gerechtes System – „mich trifft keine Schuld, solange ich niemandem in den Kopf schiesse“. Was soll das für ein Aufstand des Gewissens sein?

Eine gewisse Resignation scheint sich bei dir auch punkto Sozialismus breit gemacht zu haben…

…das darf man nicht falsch verstehen, der Sozialismus ist für mich nach wie vor die einzige Gesellschaftsform, in der die Menschen einigermassen zu einem glücklichen Leben kommen können. Zweifellos. Die Frage ist, wie dieser Sozialismus aussieht und wie man dahin kommt. Leider ist diesbezüglich einiges aus den Fugen geraten: Die ganze Problematik mit der Marktwirtschaft und dem Kapitalismus illustriert sich schön an Goethes Gedicht vom Zauberlehrling: „Die Geister, die ich rief, werd’ ich nun nicht mehr los“. Der Zauberer trägt seinem Lehrling auf, die Zauberstube zu wischen. Kaum ist der Meister weg, meint der Lehrling, er sei doch „en schlauä Siäch“, verzaubert den Besen und lässt ihn die Arbeit erledigen. Als sich der Besen nicht mehr stoppen lässt, will ihn der Lehrling entzwei schlagen – es werden jedoch einfach zwei Besen daraus und immer mehr, die ihrem eigenen Willen folgen – das Mittel hat sich selbst zum Zweck gemacht. Dasselbe ist mit der Marktwirtschaft passiert: Ein Tausch von Zweck und Mittel hat stattgefunden, das Mittel gerät ausser Rand und Band, sodass es zum Zweck wird. Ich meine, gopferdammi!, die Marktwirtschaft oder der Kapitalismus sind doch eigentlich nur ökonomische Systeme, die uns in erster Linie ernähren und einen gewissen Wohlstand bringen sollten! Sie sollten den Menschen dienen, und zwar möglichst allen Menschen. Doch nun ist es total umgekehrt, denn jeder Mensch meint, er müsse seiner Firma dienen, während diese möglichst viel Profit machen will. Wir dienen einem System, das gar keinen Zweck mehr hat. Wieso muss es soviel Geld generieren? Wir sind die einzigen Akteure hier, wir könnten auch einfach anhalten und bestimmen, dass wir es nun einfach anders machen, damit es intelligenter gelöst ist. Doch es hat sich schon völlig verselbstständigt. Beim Sozialismus war das ähnlich: Der Sozialismus wurde zum höchsten Ziel erklärt, und um dieses zu erreichen, wurden Millionen Menschen getötet. Also wieder eine totale Umkehrung. Man müsste eine neue Gesellschaft im Sozialismus errichten, ohne dass dabei auch nur jemand ums Leben kommt. So würde die Sache human. Wie erwähnt, weiss ich weder, wie der Sozialismus aussieht, noch wie man dorthin kommt. Aber ich weiss ganz sicher, dass unser jetziges System nicht die Lösung sein kann.

Immer wieder ein Thema in deinen Texten ist Kuba. Wie schätzt du die aktuellen Reformbemühungen ein?

Das ist ein endloses Thema, musst du wissen. Die Reformen sind, sagen wir einmal, liberaler, und auf eine Art wohl auch etwas marktwirtschaftlicher, sicher sind sie irgendwie auch eine Öffnung aus dem starrköpfigen dogmatischen Weg, den Fidel mit dem Land gegangen ist. Aber du musst eben auch sehen, dass Fidel Castro sich das erlauben konnte, Raul kann das nicht. Fidel ist in Kuba eine Integrationsfigur, das kannst du dir nicht vorstellen! So etwas kennen wir hier gar nicht, das ist in etwa so, als würde uns Michael Jackson regieren. Mit ihm verbindest du soviele Jugenderinnerungen und er hat dir soviel Gutes getan im Leben, dass du ihm nie auch nur eine Sekunde böse sein könntest. In Kuba gibt es einerseits die alte Generation, die kein Haar an Fidel kritisiert, weil er massenhaft Landbevölkerung vom Hunger befreit hat. Die Leute mussten davor verfaulten Reis essen und die Kinder hatten Wasserbäuche. In wenigen Jahren hat er für Essen, Schulen und Gesundheitsversorgung gesorgt, an so einer Person kritisierst du nie im Leben auch nur ein Detail. Das hat die alte Generation der jüngeren natürlich irgendwie weitergegeben. Und dann gibts noch eine ganz junge Generation, die schon zuweit davon entfernt ist, die auch mal motzt. Doch selbst für die ist er so etwa wie eine Grossvaterfigur. Als er beispielsweise krank war und Gerüchte aufgekommen sind, dass er vielleicht bald sterben könnte, haben manche Leute einfach angefangen zu weinen, und zwar auch junge, die der Regierung gegenüber sonst nicht wahnsinnig loyal sind.

Raul ist das nicht, und deshalb kann er sich nicht alles erlauben, deshalb musste er gewisse Reformen machen, die seine Akzeptanz fördern. Ich will ihm damit nicht Unrecht tun! Er ist auch die pragmatischere Person. Vorher hat er das Militär geleitet, was in Kuba allerdings viel mehr heisst: Angelegenheiten wie Museen, etliche Industriezweige oder die Nahrungsmittelverteilung gehören dazu. Dieses hat er immer sehr intelligent und pragmatisch geführt, und das kann er nun auch wieder einbringen. Was diese Reformen bedeuten, weiss ich nicht. Klar ist, dass so ein System, das eine Insel auf dieser Welt darstellt, sich anpassen muss, sonst geht es unter. Ob das gut ist oder nicht, weiss ich nicht.

Den zweiten Teil des Interviews, in welchem sich der Fokus wieder auf die Musik richtet, folgt später diese Woche.

Kommentare (9)

Kategorie: Interviews

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9 Comments

Comment by nnmbnm

Made Dienstag, 19 of Januar , 2010 at 15:23

Auf der einen Seite gratiszeitungen anprangern und auf der anderen seite eine facebookgruppe als parameter für die öffentliche meinung der befürworter zu benutzen ist zimlich dumm

Comment by x

Made Dienstag, 19 of Januar , 2010 at 16:38

..ungefähr so dumm, wie „ziemlich“ ohne „e“ zu schreiben??

Comment by rizger

Made Dienstag, 19 of Januar , 2010 at 16:44

sehr geis interview! Bi zimlech dr gliche meinig

Comment by Paul Peter

Made Dienstag, 19 of Januar , 2010 at 18:48

@nnmbnm. falsch gelesen. die facebook-gruppe dient hier als Parameter für die Meinung der Jungen, was durchaus nachvollziehbar ist…

Comment by Andrea

Made Mittwoch, 20 of Januar , 2010 at 22:45

Das Gfüehl könn i… Super Interview!

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Made Freitag, 22 of Januar , 2010 at 13:44

[…] Verfasst von Philip Reding am Freitag, 22. Januar 2010 um 13:44 Hier nun der weite Teil des Interviews mit Tommy Vercetti. Wer den ersten Teil verpasst hat findet ihn hier. […]

Comment by (Name durch Rapblog geändert)

Made Donnerstag, 28 of Januar , 2010 at 23:27

minaretten verbot ist das beste was der schweiz passieren kann .ich hoffe deutschland zieht nach !

Pingback by RapBlog.ch – Your Rap Music Webzine » Tommy Vercetti – Seiltänzer

Made Montag, 4 of Oktober , 2010 at 16:00

[…] sind, dass unser immer-mal-wieder-Gastautor Philip Reding (der bereits das geniale Interview mit Tommy Vercetti geführt hat), diese Aufgabe übernommen hat. Mit naiv war die Frage noch schmeichelnd […]

Pingback by Tommy Vercetti – Seiltänzer - i phil good

Made Donnerstag, 14 of Oktober , 2010 at 18:56

[…] und Lines überzeugen bei jedem erneuten Hören. Ich merke, dass dieser Tommy ein wahnsinnig intelligenter und charakterstarker Mensch ist und mich wieder und wieder zum Denken anregt. Wie auch immer […]

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