Milchmaa: -ić-Preview

Verfasst von Philip Reding am Montag, 26. August 2013 um 11:39

milchmaa-ic

Releasedate: 30.08.2013, Exlibris und iTunes

Am 30. August 2013 erscheint Milchmaas lange – wenn nicht ewig! nämlich 6 Jahre lang – erwartetes Album -ić. Rapblog gewährt an dieser Stelle einen exklusiven Einblick und taucht ein in „16 Hektoliter Blut, Schweiss und Tränen“.

Die Erwartungshaltung ist klar. Studium hin oder her, das Album muss raus. Denn mit -ić löst Milchmaa ein, was er seit spätestens 2010 verspricht: sein erstes Album, und das nach nunmehr vier EPs (Podrum I-III sowie Balkan Troubles) und einem Mixtape (Jugo Tempo Ghettoblaster Vol. I). Wobei ganz grundsätzlich für Milchmaa spricht, dass er zwischen EP, Mixtape und Album unterscheidet.
Diese feine aber folgenreiche Unterscheidung ist es, grob vereinfacht, was -ić so spannend macht. Hätten wir es „nur“ mit einer 15 Track starken EP oder einem Mixtape mit frischen Beats zu tun, wir müssten uns doch um die lange Wartezeit betrogen fühlen. So hingegen schafft G.O.R. etwas Eigenständiges, vereint Pflicht und Kür entlang einer Dramaturgie, die von dreckig kellrigen Battletracks bis hin zu kurzen Geschichtsstunden und Sozialstudien reicht. Sprich ein Album, das man durchhören soll, weil es liefert, was man mit klaren Vorstellungen bestellt hat, und gleichzeitig Raum lässt für Überraschungen und Experimente, die auch geboten werden.
Als da wäre beispielsweise das gemässigtere Sprechtempo, um es gleich vorweg zu nehmen. Nachdem Doubletime-Passagen in früheren Releases regelrecht hofiert wurden, reiht sich die Geschwindigkeits-Variation als Stilmittel unter vielen anderen ein. Das Hörerlebnis insgesamt wird spürbar ruhiger, die selteneren Doubletime-Passagen erhalten wieder mehr Gewicht.

Bewährtes Team schlägt neue Töne an 

Damit musste man rechnen. Überhaupt wäre es naiv zu glauben, -ić setze nicht stärker auf Textinhalte. Und doch sind es keine 8-Minuten-Raps auf möglichst reduzierten Beats, die ja nicht ablenken sollen, da man beim gespannten Zuhören sonst etwas überhören könnte. Im Gegenteil pochen die Instrumentals jeweils stark auf ihren Anteil am Gesamtprodukt. Unerwartet technisch breit abgestützt präsentieren sich die Werke von Georg Gadient, Anemonen Entertainment und King Fäbs, wobei diese sich auf die Schwerpunkte klassisch melodiös, üppig synthetisch und Oldschool Sample treu verteilen. Klar sind Beats bei allen Rap-Alben wichtig, aber diese hier sitzen gleichberechtigt am Tisch und diskutieren mit Text und Flow auf Augenhöhe. Und wenn die beiden nicht aufpassen, werden sie kurzerhand in den Schatten gestellt. Diese Balance bleibt zum Glück stets bewahrt.
In diesen Beats finden sich die Milchmaa typischen, düsteren Klänge wieder, immer wieder verstreut, etwa am Piano für „Strand“ zusammen mit Vali von Breitbild. An einigen Stellen scheint das Düstere noch zu wenig gewesen zu sein, sodass ziemlich verstörende Beats entstanden sind. Vor allem bei „Geld pflücka“ mit Mona Novas minimalistischer Hook oder „Luag di mol a“. Synthetische Elemente tun diesen Eindrücken erstaunlicherweise überhaupt keinen Abbruch, ebenso wenig Battletracks wie „Usbrannt“. Denn es handelt sich dabei um die Sorte, die nicht billig klingt, sondern wohl dosiert zusammengestellt. Was sich im ersten Moment ungewohnt experimentell anhört, fügt sich beim zweiten oder dritten Mal durchhören bereits harmonisch ins Gesamtkonzept. Am besten beweist dies „-ić-Girl“, welches doch auch ein wenig nach Disco klingt und dazu noch fünf Mal die Hook bringt. „Knopf“ beweist dies im Grund genommen auch, da habe ich allerdings meine Zweifel, ob es bei allen Hörern dazu kommen wird. Mit seiner Anlehnung an eine Rock-Ballade liefert es zwar genau die Ãœberraschung, die auf EPs nur selten Platz findet. Ob Milchmaa-Fans der ersten Stunde sich daran nur schwer tun oder die Zähne ausbeissen, wird sich zeigen müssen. Wenn hingegen die Post abgeht bei „Adventures of Zarija Destanov and Grga Pitic“ (sorry für die fehlenden Sonderzeichen), so wie sie es bei „Sljiwowitz“, „Udri haide“ und ganz besonders bei Jugo Tempo Ghettoblaster Vol. I getan hat, gibts daran kaum was auszusetzen. Manch einer mag sich gar an die regionale Guggenmusik erinnert fühlen. Ziemlich kurz kommen dabei die Cuts, die sich nur gerade bei „Marx Tito Domenig“ finden, immerhin von DJ Redrum.
Punkto Featurings werden ebenfalls nicht alle Register gezogen. Lieber konzentriert sich Milchmaa aufs engste Umfeld, spielt grösstenteils ein Heimspiel. Anders käme es kaum zu einer internen Competition, wie wir sie auf „Strand“ mit Vali erleben, analog zu „Locker“ von Podrum I. Zu „Leeri Stadt“ mit CBN. Oder mit Ali auf „Sie frogt“, wo beide gefordert sind angesichts der Thematik Beziehungsprobleme. Dass das Ali-Featuring einen hier erwartet, verblüfft. Olivier Lindegger soll dabei nicht vergessen werden, doch fügt er sich so geschmeidig in den traumhaften Beat ein, dass er nicht böse sein könnte. „Marx Tito Domenig“ hört sich dagegen wie ein Sonntagnachmittags-Spaziergang an, mit Milchmaa und King Fäbs als altes Ehepaar beim Geschichten von früher erzählen, nur dass wir die Geschichten noch nicht kennen und deshalb auch gerne zuhören.

Folklore und Frauen

Geschichten von der Heimat (von der es rein sprachlich nur eine geben kann) erzählen – was anderes bleibt einem übrig bei diesem Album-Titel? Mehr als ich vermutet hätte, ehrlich gesagt. Natürlich finden die Geschichts-Geschichten immer wieder Eingang in diverse Tracks. Doch Milchmaa interessiert sich wesentlich stärker für Gegenwart und Zukunft, so scheint es. Ausserdem ist -ić alles andere als monothematisch. Selbst „Geld pflücka“, der Track mit den meisten expliziten Erzähl-Passagen, schafft genug Gegenwartsbezug, um auf breiter Ebene Anklang zu finden. Die grössten Schwierigkeiten mag „Todorova“ bereiten, da hier der Fokus klar auf der Differenzierung liegt. Wer sich mit den Themen Orientalismus und Balkanismus auseinandersetzen möche, braucht offenkundig mehr als grobe, oberflächliche Kenntnisse der Materie. Und doch kann es genau die Distanz sein, die den Reiz ausmacht, Milchmaa zuzuhören, wie er “hin- und herpendelt zwischen idealisierter und realer Heimat”. „Aba“ stellt mit seinen Hörern nichts anderes an, der Approach ist ein anderer. Wer genau hinhört – im Zweifel im Booklet nachliest -, hört auch bei „-ić-Girl“ und Kuku lele raus, dass das Pendel nicht recht zum Stillstand kommen mag.
In dieses Bild passen Milena und Bisera Tasics folkoristische Einlagen auf „Todorova“ und „Kuku lele“ sowie weitere Trachtenträgerinnen vor urbaner Wohnsiedlungs-Optik im „Todorova“-Clip oder auf dem Cover.
Wenn ich doch alles auf Anhieb verstände. Daraus wird nichts ohne Serbisch-Kenntnisse. „Kusturica“ und „Todorova“ kann man zum Glück recherchieren. „Paradajz“ muss man übersetzen. Und “1990er: Plünderparty” auf „Geld pflücka“ bringt man mit etwas Allgemeinbildung noch hin. Aber: Der Wille muss da sein.
Witzigerweise kippt das Ganze an einer Stelle ins Bünzlige, nämlich auf „Luag di mol a“, wo Milchmaa bei aller Ironie Gefahr läuft, den konservativen Bergler zu mimen. So sehr sich seine Hipster- und Bonzensöhne-Tiraden teilen lassen, südlicher schlägt das Pendel nicht.
Eine Seite von Milchmaa, die wir bis anhin kaum kannten, zeigt sich am Thema Frauen. Auf einigen Tracks rücken sie nur beiläufig in den Fokus wie bei „Aba“, andere sind ganz und gar ihnen gewidmet, und zwar „-ić-Girl“, „Knopf“ und „Sie frogt“, nicht zu vergessen „Todorova“. Gut möglich, fällts auch gar nicht auf beim Durchhören. Geplant als thematischer Eckpfeiler scheints nicht zu sein.

Dramatisches Doppel-Album

Was auf jeden Fall heraussticht, ist das gesamthafte Hörerlebnis. Was mit „Essay“ startet, durchgerappt und die Hook hinterher, kann nur einen Schwerpunkt kennen, und den machen bestimmt keine Gimmicks aus. „Geld pflücka“ und „Leeri Stadt“ lassen daran keine Zweifel. Erst mit „Usbrannt“ verflüchtigt sich die Befürchtung, selbst die Battle-Texte seien ihm zum Opfer gefallen. Schon sieht man sich mit „-ić-Girl“ konfrontiert und wundert sich noch über „Knopf“, während „Strand“ sich jeglicher Diskussion entzieht. Was kommt nun? Es geht „Aba“, geschickt zentral platziert. Das ist es: -ić. Noch so ein Schlag mit „Adventures of Zarija Destanov and Grga Pitic“, Stimmung. Da erscheint das ruhigere „Sie frogt“. Hier angekommen, fehlts vielleicht schon gar nicht mehr, was früher so viel ausgemacht hat. Zur Sicherheit folgt „Luag di mol a“, konsequent auf den Mann gespielt. Bleiben wir unterhaltsam mit „Kuku lele“, „get IV or die tryin'“. Genug damit, nochmals zeigen, wo der Hammer hängt, „Marx Tito Domenig“, noch einmal in den Ring mit „Bibber bibber“ und mit „Todorova“ den Kreis schliessen. 
-ić ist mehr als Podrum im XXL-Format, nur partiell ein Hörbuch für osteuropäische Geschichte, noch seltener Folklore in Reinform – und frei von Autotune. Befürchtungen sind legitim, doch die Gefahr ist gebannt. Die Ãœberraschungen haben es in sich, der Job kann sich sehen lassen, bei Produzenten wie auch Gästen. 
In Polen dargestellt werden Podrum III- und Jugo Tempo Ghettoblaster Vol. I-Fans mehr Freude daran haben als Podrum I-II-Hörer und reine Freestyle Convention-Besucher. Zumindest was -ić angeht. Nimmt man Podrum IV dazu – was nicht nur ökonomisch Sinn verspricht -, lockt Abhilfe: Dadurch, dass die Tracks qualitativ ebenbürtig sind und eine vergleichbare thematische Breite bieten, kann sich jeder das Milchmaa-Album zusammenstellen, das ihm passt. Grob objektiv betrachtet finden sich auf Podrum IV mehr Sample-Beats. Aufmerksame Hörer entdecken zu ihrer Freude „Jovano“ wieder, welches vor langer Zeit auf MySpace und mx3 vertreten war. Bedingung ist, dass man -ić auf Exlibris vorbestellt. Dafür erhält man neben der CD und dem Download-Code (einlösbar ab 25.10.2013) ein Booklet mit allen Lyrics im Vergilbungs-Look. Auf diese Weise jedenfalls darf die ursprünglich als Trilogie bezeichnete Serie gerne fortgesetzt werden. 




Kommentare (2)

Kategorie: Extra,News

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2 Comments

Comment by Hammer

Made Montag, 26 of August , 2013 at 18:42

danke für das ausführliche preview! wird grossartiiiiig

Pingback by Preview “-ić” | Milchmaa Music

Made Mittwoch, 28 of August , 2013 at 16:24

[…] sicher sind, ob sie diesen Freitag den lokalen Ex Libris oder Media Markt aufsuchen sollen, gibt es HIER ein sehr ausführliches Preview zu “-ić” UND zum Gratis-Album “Podrum IV”, […]

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